Kantige Flieger mit großem Herz und noch mehr Pech

Jack Kelley und Otto Keller haben Schulden, und wer Schulden hat, muss liefern. Wortwörtlich in diesem Fall, denn die beiden sind Luftfrachtpiloten. Was erst nach einem einfachen Auftrag klingt, weckt schnell ihr Misstrauen – doch da stehen sie bereits einem Erschießungskommando deutscher Söldner im spanischen Bürgerkrieg gegenüber, während am Horizont die Eisenbahn mit ihrem Paket verschwindet. Es beginnt eine Jagd von Süd- nach Nordeuropa, mit Verfolgern über, unter und hinter ihnen, während sich alles um eine (natürlich wunder-) schöne Frau dreht – und das Geheimnis, das sie in sich trägt.

Ein bisschen Captain America, ganz viel Indiana Jones

Es ist ein tolles Buch: einfach und gut zu lesen, sehr angenehmes Erzähltempo, abwechslungsreich, inhaltlich eher fesselnd als aufregend. Was ich damit sagen möchte: Manche Bücher kann man nicht mehr aus der Hand legen, weil sie so spannend sind, dass man unbedingt eine Auflösung braucht, um keinen Nervenschaden zu riskieren. Und dann gibt es Bücher, die möchte man nicht mehr aus der Hand legen, weil es einfach schön ist, weiterzulesen. Weil man sich entspannen kann. Weil es eine gute Geschichte ist. Lost Cargo: Operation Nordsturm gehört, trotz seiner Deklaration als Abenteuerroman, zur zweiten Sorte.

Cover Lost Cargo: Operation Nordsturm Bruce Baxter Rezension Alexander Büttner

Die Handlung des Buches findet dabei erstaunlich wenig in der Luft statt, sondern viel mehr an und unter Land, auf und unter Wasser, im sonnigen Süden wie im schneestürmerischen Norden. Jack und Otto kapern eine Eisenbahn inmitten des Bürgerkriegs von Spanien, kämpfen sich durch ein Casino von Monte Carlo, erwachen in einer alten Kaschemme auf Sardinien, überhitzen in einer norwegischen Sauna, wandern durch nordische Eiswüsten, erkunden versunkene Schiffe und Städte, treffen auf U-Boote, infiltrieren Geheimbasen esoterischer Nazis – und das alles nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Tatsächlich hat Jack Kelley vor meinem inneren Auge irgendwann einen Indiana Jones Hut auf, während ich im Finale des Buches irgendwie erwartet habe, noch auf Captain America im Ewigen Eis zu treffen.

Lost Cargo: Operation Nordsturm ist eine Aneinanderreihung filmreifer Action- und Abenteuerszenen, gespickt mit wunderbar liebevollen Details aus dem technischen Kontext. Auch die präzisen, dabei zu keinem Zeitpunkt ausufernden Umgebungsbeschreibungen tragen dazu bei, die Atmosphäre der Dreißiger Jahre aufleben zu lassen, dabei mit ausdrücklichem Fokus auf den drohenden Krieg und die gesellschaftlichen wie individuellen Motivationen, die diese Kulisse auslöst.

Liebenswerte Typen, verstrahlte Nazis und die Hoffnung auf ein Wiedersehen

Im Vergleich zu Lost Cargo: Tempeljäger lernt man im zweiten Buch auch die emotionale Seite von Jack und Otto näher kennen, wobei die Hintergründe ihrer gemeinsamen Vergangenheit aber weiterhin in Andeutungen verhüllt bleiben. Es ist ein Kratzen an der Oberfläche, das gerade so tief geht, wie es für das Abenteuer (und dessen Fortsetzung, die vom Epilog ein bisschen zu plakativ eingeleitet wird) benötigt wird. 

Die Handlung erweist sich insgesamt als etwas komplexer als im ersten Buch; es gibt einige kleinere Wendungen, bedingt durch die Aktionen verschiedener Parteien. Die Handlungsstränge bleiben jedoch überschaubar, sind hier und da möglicherweise auch ein bisschen vorhersehbar – aber das macht nichts, denn wie eingangs gesagt: Das Buch gewinnt durch Atmosphäre, Abwechslungsreichtum und Sympathie, nicht unbedingt durch nervenzerfetzende Spannung.

Etwas vermisst habe ich die technischen Skizzen zu den Flugzeugen aus dem ersten Buch, nur im Einband fand sich etwas, das dem nahe kam. Möglicherweise liegt das daran, dass die Flugzeuge bei Jack und Otto keine hohe Lebenserwartung haben. Wikipedia wusste jedoch weiterzuhelfen, wobei sich erfreulicherweise herausstellte, dass das Buch in seinen technischen wie historischen Details so authentisch und plausibel ist, wie es der inhaltliche Rahmen des mythischen Ahnenkults der Nazi-Widersacher eben hergibt. 

Und genau in diese Kerbe schlägt letztendlich auch der Epilog, den es meiner Meinung nach nicht unbedingt hätte geben müssen. Stimmungstechnisch bricht er das runde Ende der Geschichte etwas auf. Das wäre verzeihlich, wenn er inhaltlich noch etwas beitragen würde – mit viel gutem Willen ließe sich konstatieren, dass es sein einziger Zweck ist, eine Fortsetzung anzukündigen. Und das wiederum nehme ich dankend an, denn Jack und Otto auf einem weiteren Abenteuer begleiten zu können, ist etwas, auf das ich mich wirklich freue. Ich gebe zu, die beiden ins Herz geschlossen zu haben.

Cover Lost Cargo: Operation Nordsturm Bruce Baxter Rezension Alexander Büttner

Bibliografische Angaben

Titel: Lost Cargo: Operation Nordsturm
Autor: Bruce Baxter
Genre: Roman
Verlag: Lübbe
ISBN: 978-3-404-18427-9
Erscheinungsdatum: 2021
Format (Umfang): Taschenbuch (384 Seiten)

Gesamtwertung: 7 von 10